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Tagungsbericht 26. Österr. Volkskundetagung 2010

von Michael J. Greger, Graz

26. Österreichische Volkskunde-Tagung: „Stofflichkeit in der Kultur“ von 10. bis 13. November 2010 in Eisenstadt (Joseph Haydn-Konservatorium)

Zum dritten Mal fand eine Österreichische Volkskundetagung im Burgenland statt. Organisiert wurde sie vom Österreichischen Fachverband für Volkskunde sowie dem Verein für Volkskunde in Wien.

Schon in den „fachhistorisch ausgebauten“ Grußworten des Präsidenten des Vereins für Volkskunde am Eröffnungsabend, KONRAD KÖSTLIN (Wien) oder auch des Präsidenten des Fachverbandes, INGO SCHNEIDER (Innsbruck), wurden kurz die Wegmarken einer relevanten fachspezifischen Forschungstradition abgeschritten: Von Anfängen etwa bei Wilhelm Heinrich Riehls Studien oder Richard Weiss‘ Intention, die Menschen „in den Dingen oder durch die Dinge zu erkennen“, zu Leopold Schmidts „Gestalt- oder Stoffheiligkeit“, Wolfgang Brückners „Stoffwertigkeit“, Karl-Sigismund Kramers „Ding- oder Stoffbedeutsamkeit“ (bei der in der Folge der Tagung noch etliche der ReferentInnen mehr oder weniger eng ihre Überlegungen anbanden) bis zu Überlegungen Gottfried Korffs, Thomas Raffs oder Bernward Denekes.

Der Eröffnungsvortrag von REINHARD JOHLER (Tübingen) war am Anfang einer kurzen Rückschau auf manche gewidmet, auf deren Schultern die gegenwärtige Forschung steht. Johler nutzte diese Verweise auf (österreichisch)-ungarische Forscher und deren „europäische“ Blickwinkel im 19. Jahrhundert, um gegenwärtige Dinge, „Made in Europe“ zu fokussieren. Ausgehend von den Ergebnissen eines kleinen Studienprojekts in Tübingen machte Johler seine Überlegungen bei so heterogenen Dingwelten wie Euro-WC-Steinen oder Euro-Winterreifen fest. Er bescheinigte dabei diesen oftmals billigen und „nichtssagenden“ Produkten genauso wie dem Projekt Europa „beschränkte Erfolgsaussichten“. Sieht Johler in den frühen Versuchen von europäischen Ethnografien Ergebnisse der Spurensuche eines vermeintlich einheitlichen, heute als „Mythos“ entlarvten, „Alt-Europa“, so stellen die gegenwärtigen Produkte recht schwache Konsumobjekte eines größeren Ganzen dar.

Obwohl die Dinge und Europa in einer zumindest schon seit dem 19. Jahrhundert eifrig beforschten Verbindung sind, haben sich die Theorien als Werkzeuge dieser Erforschung vor allem in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts radikal weiterentwickelt. Der (unveränderte) Anstieg der Dingmenge und der veränderte Gebrauch der Dinge benötigte auch neue theoretische Ansätze. Der Konjunktur der Dinge etwas entgegen läuft aber das Projekt „Europa“. So hat Jean Baudrillard Europa einmal als „Archetyp der »Simulation«“ bezeichnet. Trotz verschiedenster Initiativen wie der Europa-Hymne oder der Europa-Flagge bis hin zum Euro als gemeinsamer Währung sinke die Zustimmung der BürgerInnen zu Europa jährlich. Dazu tun Legenden um die vielgeschmähte Brüsseler Reglementationswut der Länge von Präservativen oder der Krümmung von Gurken ihr Übriges. Die EU stellt sich demnach als etwas Unfertiges, als Zukünftiges dar, das gesichts-, orts- und rituallos sei. Das einzig wirklich Gemeinsame sei der europäische Binnenmarkt, der den vier Freiheiten, der Waren-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenfreiheit Raum eröffnet. Freilich gehen damit gewaltige Demokratie- und Öffentlichkeitsdefizite einher. Betrachtet man aber die Entwicklung von den Römischen Verträgen bis zur Währungsunion so ist Europa von der „kulturfreien“ Leitidee des Binnenmarktes geprägt. Die vorgestellten Euro-Objekte haben alle mit Normierung und Gesichtslosigkeit zu tun. Das Ergebnis mehrerer Forschungen zeigt, dass die Marke „Made in Europe“ an den fehlenden Inhalten scheitert. Die nationalen Produktkulturen sind immer noch dominant und die mit ihnen verbundene Kultur erweist sich als Hemmnis der Integration. Auch das vermeintliche „Leitprodukt“ Euro war bisher weniger identitätsproduktiv, als ihm von seinen Machern prognostiziert wurde.

Johler postulierte – mit Bezug auf sozialhistorische Erkenntnisse, dass wir einander tendenziell immer ähnlicher würden, vor allem was die Konsumgewohnheiten eines Massenkonsums betrifft. Andererseits bringt genau jene „Gleichmacherei“ gleichzeitig eine neue, schärfere Konturierung von nationalen Produktkulturen hervor. Die oft missverständlich als „europäische“ Produkte bezeichneten und gekennzeichneten  Produkte des „kulturellen Erbes“ der Regionen („gesetzlich geschützte Angabe“) erweisen sich als Angehörige von Nationalkulturen und werden gerade dort auch besonders nachgefragt. Die „Euro“-Dinge schaffen, so Johler, ein Europa, aber ein „anderes“ Europa. Sie tragen kaum zu „europäischer Identität“ bei, sondern zeigen, dass in der EU die Ökonomien (noch) nicht die Kulturen bestimmen. Pro futuro darf man auf ihr weiteres Auftreten und ihre Entwicklungstendenzen gespannt sein.

Die insgesamt 9 Panels der Tagung brachten Professor(inn)en wie auch Nachwuchswissenschaftler(innen) auf ein Podium und nach längstens drei Referaten wurde dieses auch zur Diskussion geöffnet.

JOHANNA ROLSHOVEN (Graz) machte am Donnerstag-Morgen mit Ideen zur Stofflichkeit bei Sigfried Giedion (1888-1968, Schweizer Architekturhistoriker, Ingenieur und Kunsthistoriker) und Bruno Latour (geb. 1947, Philosoph, Anthropologe, Techniksoziologe, bekannt u.a. durch seine Aktanten-Netzwerk-Theorie) den Anfang. Sie band ihre Ausführungen bei zwei konkreten Gegenständen an: erstens einem oberflächlich vermeintlich unbedeutenden, weißen Resopalschrank, der am Marburger Institut vom hochsymbolischen und umstrittenen „Frauenschrank“ der frühen 1980-er zum biederen Schrank für Kaffee-Utensilien mutierte und zweitens einer zu einem Schreibtisch umgestalteten, bemalten „Hochzeitstruhe“ in ihrem derzeitigen Dienstzimmer an der Universität Graz.

In sehr elaborierten und wohl nur für wenige ad hoc nachvollziehbaren Thesen zum „Naturstoffwechsel“ zeigte DIETER KRAMER (Wien/Doerscheid) den in den letzten Jahren seiner Meinung nach zu kurz gekommenen Zusammenhang zwischen der „Naturausstattung eines Wirtschaftsgebietes“ und seiner Wohnbevölkerung auf. Dabei kritisierte er eine problematische „Naturvergessenheit“ der gegenwärtigen Europäischen Ethnologie/Kulturwissenschaft. Dieser könnten über die Befassung mit Energieströmen oder dem „Ökologischen Rucksack“ die Zusammenhänge zwischen dem Korridor der Möglichkeiten und dem „materiellen Zwang“ wieder mehr bewusst werden.

SONJA WINDMÜLLER (Hamburg) wies in ihrem Referat vor allem auf den „Affront“ hin, der sich besonders in der Beschäftigung mit Abfall und Müll zeigt. Ausgehend vom Müll als „besonderer Quelle“ beschäftigte sich Windmüller einleitend mit Gedanken des Chemikers und Philosophen Jens Soentgen („Staub“, 2005) andererseits mit drei Aspekten um die der Begriff „Dingbedeutsamkeit“ (Karl-Sigismund Kramer) erweitert werden müsste, nämlich der Stoff-, der Gestalt- und der Gebrauchsbedeutsamkeit, wobei sie als theoretische Basis ihrer Überlegungen Ideen aus den „Garbage Studies“ von William Rathje und seinen Forschungsprojekten an der University of Arizona in Tucson vorstellte. Der „produktiven Uneindeutigkeit“ von Abfall und dessen Funktion als Erinnerungs- und Gedächtnisspielraum widmete Windmüller genauso Überlegungen wie der Entstofflichung von Müll als „immateriellem Sachstand“, wobei sie hier auch auf die „rubbish theories“ eines Michael Thompson zurückgriff. Abschließende Gedanken widmete Windmüller schließlich der Stoffmächtigkeit von Abfall, die Gefühlslagen von Angst und Ekel, aber auch von Lust und Anziehung evozieren kann. Das die drei Referate Verbindende lag zum Beispiel in der Tatsache, dass Dingbedeutung nicht losgelöst von Konsumtions- und Produktionszwängen betrachtet werden kann.

Durchaus kontroversielles, und vielleicht in Bezug auf Abwehrreaktionen bezeichnendes Diskussionsecho in Bezug auf „Überinterpretationen“ und (un)angemessene „Symbolhuberei“ rief der Beitrag von SABINE MANKE (Marburg), „Brand(t)-Stiftungen“, hervor. Manke analysierte für ihre Dissertation einen Teil der über 9000 Stück zählenden Korrespondenz, die im Jahre 1972 an den damaligen deutschen Bundeskanzler Willi Brandt im Zusammenhang mit der Unterzeichnung der Ostverträge erging. In einer beeindruckenden Tiefenlotung, angelehnt an das Konzept der tiefenhermeneutischen Kulturanalyse nach Alfred Lorenzer analysierte Manke einerseits Geschehnisse mit einer Fingerpuppe, die während des Schreibens ihrer Dissertation zum Thema „Brand(t)-Stiftungen“ halb verschmorte. Andererseits entwickelte sie exemplarisch am Brief einer Bürgerin an Willi Brandt sowie an einem Gedicht des R.A.F.-Aktivisten Thorwald Proll spannende Überlegungen zu „Rechtschreibfehlern“ und unbewussten Gleichsetzungen des Namens des Bundeskanzlers mit den politischen „Brandherden“ innerhalb des damaligen Westdeutschland.

MONIKA ANKELE (Wien) wählte sich als empirisches Hintergrund ihres Referates die „Sammlung Prinzhorn“, eine historische Lehrsammlung an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, in der bis in die 1920-er Jahre die unterschiedlichsten materiellen Erzeugnisse von Psychiatrie-Patientinnen gesammelt wurden. Ausgehend von einem Exkurs in die Geschichte und die spezifischen diagnostischen Probleme der Psychiatrie noch im späten 19. Jahrhundert zeigte Ankele, dass diese Materialien von ärztlicher Seite die Evidenz der Diagnosen erhöhen und manifestieren sollten. Gleichzeitig waren diese Erzeugnisse (textile Arbeiten, Bilder, Briefe …) für die Patientinnen im Anstaltsalltag mit seinem Verlust an Privatsphäre und Persönlichkeitsrechten, seinem strikten Reglement eine Form der Selbstvergewisserung. Zugleich wurde die Materialität der Gegenstände von den Patientinnen als unhinterfragbares Argument der Evidenz bestimmter Sachverhalte verwendet.

Mit einem Ende und gleichzeitig einem möglichen Neu-Anfang der Mensch-Ding-Beziehungen, den alte Menschen vor sich haben, die ins Altersheim übersiedeln möchten, beschäftigte sich ANAMARIA DEPNER (Frankfurt). Ausgehend von Jens Soentgens „Präsenz der Dinge“, dem sinnlichen Reichtum des Unscheinbaren widmete sich Depner in der Folge dem Leib-Körper um im „Materiellen Apriori“ der Dinge nach Plessner und Scheler eine Brücke zwischen den beiden zu suchen, insbesondere was die Identität und Exklusivität mancher Dinge zur Konstitution unserer Individualität betrifft. Depner berichtete sehr anschaulich aus der empirischen Grundlage ihrer Dissertation, Interviews sowie Protokollen teilnehmender Beobachtung bei Menschen, die sich in ihrem dritten Lebensabschnitt entschließen, selbst in ein Altenheim der Pflegestufe 0 oder 1 zu ziehen. Auch dieser Beitrag wurde reichlich diskutiert und fand großes Echo.

In einem auch haptisch (durch zwei durchgereichte „Taschenfeitel“ und einen ausgestanzten Metallrest) ideal vermittelten Vortrag zeigte die Museumskuratorin EVA KREISSL (Graz) den „Stoff“, aus dem kulturwissenschaftliche Ausstellungen bestehen können. Am Beispiel des mit Olaf Bockhorn gestalteten Museumsdorfes im oberösterreichischen Trattenbach i, anhand der Vermittlung der „natürlichen“ anthropologischen Grundkonstanten „Blut, Schweiß und Tränen“ in einer Ausstellung sowie anhand des Forschungsprojektes „Superstition – Dingwelten des Irrationalen“ zeigte Kreissl die Möglichkeiten und Grenzen musealer Vermittlungsarbeit. Das Argumentationsfeld des Referates spannte sich zwischen behördlichen Vorschriften, kulturellen Tabus sowie im Falle Trattenbach dem lokalen Interesse (ehemaliger Akteure) an Geschichte und deren Vermittlung auf.

EVA REINECKER (Salzburg) beschäftigte sich in ihrem Referat mit der Problematik von Originalen, Kopien bzw. Rekonstruktionen im Freilichtmuseum und verwendete als empirischen Hintergrund ihrer Fragestellungen einzelne Bauten und Höfe im Salzburger Freilichtmuseum (Großgmain).

Der Vortrag von CORNELIA EISLER (Kiel) war dem sensiblen Thema der Heimatstuben und Heimatmuseen der deutschen Vertriebenen und Aussiedler(innen) aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewidmet. Eisler ist innerhalb eines Projekts, das von der Christian-Albrechts-Universität Kiel und dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa gemeinsam getragen wird, beschäftigt. Die in den vergangenen Jahrzehnten, zumeist ehrenamtlich und unter großem persönlichen Einsatz der Gründergeneration, entstandenen Heimatsammlungen verlieren langsam ihre Trägerschaft und auch ihren „Glanz“. Die junge Generation der ehemaligen Aussiedler(innen) ist zumeist an diesen dinglichen Denkmälern der „alten Heimat“ kaum mehr interessiert. Mit dem Tod der ehemaligen KustodInnen stellen sich vielfältige museologische Fragen der Konservierung, neuer Wege der Vermittlung bis hin zur Deakzessionierung.

Das Referat der in Münster und Basel tätigen Kulturwissenschaftlerin FRANZISKA SCHÜRCH war einem im ersten Moment traditionellen Thema der Nahrungsforschung gewidmet, dem Fleisch, das Schürch aber mit den Instrumenten der Sachkulturforschung neu beleuchtete. Die Tabus rund um Fleisch und Fleischverzehr (Wann? Wann nicht? Wer darf welches Fleisch nicht essen? …) waren genauso Thema wie die Zugänge Daniel Mills, Thomas Antoniettis oder Werner Bellwalds mit ihren verschiedenen Dimensionen der Dinge, die Schürch am Beispiel ihres Untersuchungsgegenstandes deklinierte. Schürch war auch mehrere Jahre die wissenschaftliche Leiterin des Inventars des kulinarischen Erbes der Schweiz, in dessen Rahmen sie auch praktische Erfahrungen des Metzgerns und der Endverarbeitung von Fleisch machen konnte, was ihren Ausführungen eine weitere, informative Dimension verlieh.

Der Zigarre und ihrer vielfältigen Verflechtungen inklusive der spannenden Frage, ob eine Zigarre manchmal „einfach nur eine Zigarre“ (S. Freud) sei, stellten sich PETER F. N. HÖRZ und MARCUS RICHTER (Bonn/Bamberg) in ihrer Untersuchung der ehemaligen Zigarrenindustrie im ostdeutschen Schöneck im Vogtland. Ausgehend von Überlegungen zur Gemeinschaft der ehemals in der Zigarrenindustrie, später im VEB Musik-Elektronik Klingenthal Beschäftigten sowie zum Wandel und den Mythen rund um das Objekt Zigarre entwickelten Hörz und Richter einen gut nachvollziehbaren Bogen vom Beginn der Fertigung in Schöneck als deutscher „Billig-Lohn-Gegend“ mit einem importierten Rohstoff bis zum Mehrwert der Zigarrenindustrie durch das „High-Interest-Product“ Zigarre und dessen elitärer Symbolik.

Am zweiten Tag eröffnete NIKOLA LANGREITER (Innsbruck) den Vortragsreigen, in dem sie Interviewergebnisse eines gerade anlaufenden Forschungsprojekts zu den Wandlungen in den Kulturen des Selbermachens präsentierte. Kern ihres Beitrages war die Frage, warum Menschen heute immer noch Dinge selber machen und wo sie diese Tätigkeiten in ihrem Bedeutungshorizont verorten. Aus den Interviews mit drei Frauen aus zwei Generationen zeigten sich deutliche Unterschiede. Theoretisch positionierte sich Langreiter in den feministischen Cultural Studies sowie der jüngeren Konsumgeschichtsschreibung und Arbeitskulturforschung. Do it yourself ist heute zwischen den neoliberalen Anforderungen an eine Gesellschaft von Unternehmer(inne)n und dem Ausdruck von Widerständigkeit und „gutem Lebem“ verortet.

Im Mittelpunkt des Vortrages von KLARA LÖFFLER (Wien) stand der Kunststoff Polystyrol (bekannter unter seinem Produktnamen „Styropor“) und dessen Einsatz bei Wärmedämmungen an Gebäuden. Löffler konnte zeigen, dass dieses Material oder besser, sein Einsatz schon innerhalb der Bau-Profis mehrere Lager bilde, wobei sich innerhalb der Architekten die Gruppe des „smarten Materials“ der Gruppe der Philosophen „sinnlichen Bauens“ gegenüberstehen. Von Seiten der privaten „Häuslbauer“ kommt wiederum den Bauprofis Misstrauen entgegen und auf dieser Ebene werden viele Informationen über Mundprogaganda ausgetauscht, wobei viele Argumentationen mit dem Stehsatz „Wenn ich noch einmal Bauen würde, dann…“ eingeleitet werden. Theoretische Haltegriffe zu ihren Ausführungen boten Klara Löffler z. B. Roland Barthes oder Pierre Bourdieu.

Ebenso der Materialität von Bauten, in diesem Fall ganzer Städte widmete JENS WIETSCHORKE (Wien) sein Referat, in dem er die Anmutungsqualitäten des morbiden und porösen Tuffsteins, aus dem ein Großteil von Neapel errichtet wurde, mit jenem des Travertin (verdichteter Kalksinter) verglich, aus dem viele Gebäude Roms errichtet sind. Wietschorke arbeitete mit einer Vielzahl von Textbelegen aus Reiseführern wie auch Zitaten von reisenden Kunsthistorikern oder Architekten, wobei er gegen Schluss auch die „Kruppstadt“ Essen und deren „Stahlanmutung“ mit in seine Überlegungen einbezog. Ein Gerüst bot ihm die Überlegungen Alexa Färbers mit ihrem Terminus der „Greifbarkeit“ der Städte. Wietschorke meinte in der angeregten Diskussion, befragt auf die empirische Überprüfbarkeit und Gültigkeit seiner Ausführungen, dass eine solche empirische Überprüfung seiner Meinung nach nicht möglich sei und eine solche Zuordnung von Materialcharakteristika auch nicht für alle Städte so einwandfrei möglich sei.

ANA IONESCU (Wien) referierte über das „gesunde Zirbenholzbett“ und dessen kulturelle Implikationen, die sie in ihrer Diplomarbeit untersucht hatte. Eine Studie der bekannten Grazer Forschungsinstitution Joanneum Research für den Tiroler Waldbesitzerverband zufolge hat Zirbenholz zahlreiche gesundheitsfördernde Aspekte wie z. B. eine Senkung der Herzfrequenz beim Schlaf in Zirbenholzbetten. Damit wurde zumindest ein lokaler Boom an Zirbenholzverwendung, vor allem in der Schlafmöbelproduktion, ausgelöst. Ionescu kombinierte in ihrem Vortrag empirische Ergebnisse von zwei Nutzern des Zirbenholzbettes und einem Tischler solcher Betten mit entsprechenden theoretischen Reflexionen. Dabei spielten sowohl die physische Beschaffenheit des Materials (Geruch, Aussehen und Oberfläche), dessen Semantik und das (im Vergleich zu den Jahrzehnten davor veränderte) Design, als auch Momente der Funktion eines Schlafmöbels und Momente der Produktion eine Rolle. Theoretisch beeinflusste Arjun Appadurais „Social history of things“ Ionescus Überlegungen.

Der Züricher TOBIAS SCHEIDEGGER widmete seine Ausführungen der Situation und Entwicklung von Amateur-Naturwissenschaftlern um das Jahr 1900, den Sammlern von Käfern, Schmetterlingen oder Pflanzen. Dabei zeigte Scheidegger die verschiedenen Ebenen der Hintergründe einer prosperierenden Amateurforscherbewegung um 1900. Diese war von vielschichtiger Marginalität (abseits vom Universitätsanschluss und dadurch anachronistisch, amateurhaft und provinziell) geprägt, bildete einen Mosaikstein einer unverdrossen hochgehaltenen idealtypischen Heimatkunde in enzyklopädischem Allmachtsstreben und stand drittens für eine Frühform der Do-it-your-self-Kultur. Die entsprechende Anleitungsliteratur, die milieuspezifische Verortung, aber auch die Besorgung von Werkzeugen und Arbeitsmaterial bei spezialisierten Versandhäusern bildeten genauso den Inhalt des Vortrages wie Überlegungen zur Ding-Fixierung, zur Taxonomie und Katalogisierung bzw. Präsentation bis hin zur Teilhabe und letztlich dem Ausschluss von professioneller Forschung.

Der erste Vortrag der Nachmittagseinheit am 12.11. war dem Aspekt von Holznutzung in Vergangenheit und Gegenwart gewidmet. Der Forstwirt und Holzwissenschaftler MICHAEL GRABNER (Wien) präsentierte seine beiden Forschungsprojekte (gefördert durch den FWF und das Land Niederösterreich) im Rahmen der Erforschung historischer Holzarten, die in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit von Forstwissenschaftler(inne)n, Holzwissenschaftler(nne)n, Volkskundler(inne)n, Historiker(inne)n, Archäolog(inn)en etc. erfolgen. Neben der Sammlung und Auswertung von historischer Literatur zu Holzhandwerk und Holzverwendung, werden die Objekte mehrerer österreichischer Museen wie jene des Österreichischen Freilichtmuseums in Stübing (Steiermark), des Waldbauernmuseums in Gutenstein (Niederösterreich)sowie des Museums für Volkskultur in Spittal/Drau in Kärnten untersucht. Zusätzlich werden Fachbereiche der (historischen) Holznutzung wie der Bergbau, historische Holzernte und Transportarten wie die Trift sowie Spezialhandwerke wie die Wagnerei oder das Drechseln untersucht.

ULRIKE KAMMERHOFER-AGGERMANN (Salzburg) stellte in ihrem Vortrag die Erkenntnisse der Mitarbeit an zwei Ausstellungs- und Katalogprojekten des Salzburger Dommuseums gemeinsam mit der „Edith Haberland-Wagner“-Stiftung in München vor. Dabei wurden 2008 Rosenkränze und andere Gebetsketten und 2010 Amulette und Talismane unter dem Titel „Glaube und Aberglaube“ ins Blickfeld gerückt. Aufgrund der enormen Materialfülle an Objekten war die Auswahl der ausgestellten Dinge doppelt so schwierig. Kammerhofer-Aggermann beleuchtete in ihrem Vortrag Fragen der Objektfunktion als kodiertes Zugehörigkeitszeichen und als Konfessionsausweis, der Verbindung von Objekt und Gebärde, der Symbolik von Material und Form. Eine Zuweisung der Objekte in die Kategorien „Aberglaube“ und „Glaube“ wollten die Ausstellungsmacher bewusst nicht vornehmen.

Dieser Tagungsnachmittag wurde durch eine Exkursion nach Trausdorf (Esterházy-Weingut) sowie in die ehemals „Königlich-Ungarische“ Freistadt Rust abgerundet.

Am Samstag, 13.11. eröffnete URS MALTE BORSDORF (Hamburg) mit einem sehr einfühlsamen Vortrag zu „Stummen Dingen, die zeigen“ (nach einem Zitat von Otto Lauffer) das Panel. Borsdorf widmete sich dabei besonders den technischen Hilfsmitteln von stark hörgeschädigten oder gehörlosen Mitmenschen. Anhand einer kurzen Filmsequenz konnte Borsdorf vielerlei Verflechtungen ableiten, die von der Kindererziehung durch taubstumme Eltern bis hin zu filmhistorischen Bemerkungen (insbesondere zur Präsenz von Gehörlosigkeit im Spielfilm), Problemen und Fragestellungen der sogenannten „Deaf Studies“, von technisch-historischen Bemerkungen zum „Erfinder“ des Telefons, Alexander Graham Bell bis hin zu den spezifischen Eigenschaften des Schreibtelefons und anderer, gegenwärtiger technischer Hilfsmittel für Gehörlose wie dem Internet (insbesondere Bildtelefonie), dem Handy (SMS) oder dem PC. Borsdorf problematisierte dabei auch die Ambivalenzen von technischen Hilfsmitteln, die den Körper von Behinderten automatisch quasi zum Feld für Korrekturen und Ergänzungen an eine gesellschaftliche „Normalität“ diktierten. Ob die Dinge nun „stumm“ blieben, oder doch zum Reden gebracht werden könnten, hänge vom jeweiligen Kontext ab.

BERNHARD FUCHS (Wien) widmete sich den verschiedenen kulturellen Ausprägungen von „Cola“-Getränken, insbesondere mit der Marke „Coca Cola“ einer Ikone. Fuchs bediente sich dabei beispielsweise der Konzepte Daniel Millers, um die Funktion von Coca Cola in Trinidad zu analysieren und den Unterschied zwischen einem „Black“ und einem „Red Sweet Drink“ darzustellen. Vor allem die Symbolik des stark amerikanisch-westlich konnotierten Erfrischungsgetränkes im islamisch dominierten Gebieten der Erde wurde in verschiedenen Facetten behandelt. Gut bebilderte Ausflüge in Bereiche der Stoffdifferenzierung („Cola Light“ für Frauen; „Cola Zero“ für Männer; Red Bull Cola als „Naturprodukt“) und die vielfältigen Distinktiondimensionen rundeten den Vortrag ab.

Seinen Fotografien von sogenannter „Street Art“, den oft unbeachteten oder nur unbewusst besehenen Plakatwänden und –flächen der Städte widmete VLADIMíR JAROMIR HORÁK (Ostrava, CZ) sein Referat zum Thema „Streetart Photography“. Der Kulturhistoriker, Ethno- und Soziologe Horák präsentierte Überlegungen, die er an seine, seit Jahren in verschiedenen europäischen Großstädten fotografierten, Plakatwände, Plakatflächen bzw. Flächen des öffentlichen Raumes, die besprüht werden, anbindet. Die Flüchtigkeit dieser Flächen, die je nachdem und zufällig zu reizvollen, ästhetischen oder eher primitivistischen Kunstwerken werden, reizt Horák besonders.

Er unterschied im Referat das Anbringen von Plakaten auf Holz oder Glas bzw. unterschied die Wirkung der besprühten Flächen. So würden Durchgänge, Passagen, Telefonzellen oder auch Türen zu „wilden Galerien“ des Zufalls, an denen beständig überklebt und abgerissen werde. Sich überlagernde Textfragmente würden Collagen formen, die gemeinsam mit der Licht- und Schattenwirkung, dem Fehlen oder der Kombination bestimmter Farben und den Witterungseinflüssen noch überhöht oder bis zur Unkenntlichkeit zerstört werden.

Die letzten beiden Vorträge der diesjährigen Fachverbandstagung waren dem Thema „Körperschlacken“ und „I-Touch“ gewidmet. JAKOB CALICE (Leeds, GB) stellte sein Dissertationsprojekt über „Körperschlacken“ unter dem Titel „Der verschlackte Körper. Zur Stofflichkeit von Körperschmutz und -reinheit“ vor. Dazu unterzog sich Calice bereits zum Zweck der teilnehmenden Beobachtung einer „F. X. Mayr-Kur“ im Gasteinertal, an deren Untersuchungsergebnissen er das Publikum teilhaben ließ. Calice startete seine Überlegungen bei bekannten „Entschlackungsmitteln“ und stellte kulturhistorische Wurzeln der Idee der „Entschlackung“ im Körper vor. Diese stellte der den Ansichten der Schulmedizin zu diesem Thema gegenüber. Der Kern seiner Ausführungen zu konkreten Methoden der Entschlackung war dem Gedankengebäude des Kurarztes F. X. Mayr gewidmet, deren gegenwärtigen genauen Ablauf er nicht ohne Portionen trockenen Humors servierte. Abschließend eröffnete Calice drei Blickwinkel auf sein Thema, nämlich jenen der „Wellness“ als irdischem Erlösungsversprechen und den (Fasten)-Angeboten der Religionen, den spätmodernen Zivilisationssünden und der Entschlackung als „modernem Hedonismus“ sowie der Entschlackung als verwissenschaftlichter Variante der „Reinigung“.

Dem „I-Pad“ bzw. allen berührungsgesteuerten „Geschwistern“ des Computerherstellers Apple Inc. widmete TIMO HEIMERDINGER (Innsbruck) seinen spannend referierten und gut gegliederten Vortrag. Dabei standen Aspekte von Berührung und Erkenntnis, von Berührung und Authentizität sowie von Berührung und Macht im Mittelpunkt seiner Ausführungen. Stand bei „Berührung und Erkenntnis die Bedeutung des Tastsinns bzw. der Haut als „Grenzorgan“ im Zentrum, so war es bei „Berührung und Authentizität“ der ultimative Realitätsbeweis bzw. die Bedeutung des „haptischen Marketing“. Beim Abschnitt „Berührung und Macht“ ging Heimerdinger dann auch auf Kunstexperimente wie Valie Exports „Tast- und Tappkino“ der frühen 1970-er ein. Fragen der Unterwerfung und Aussetzung bzw. der Verführung zu einer Berührung wurden behandelt. Die Faszination bei den genannten Digitalprodukten heftet sich aber auch ganz besonders an die glänzenden und wie von Zauberhand bedienbaren Oberflächen und Heimerdinger schloss mit einem Plädoyer, in unserem Fach gerade die Oberflächen nicht zu vernachlässigen.

Das Abschlusspodium mit MARGOT SCHINDLER (Wien), KLARA LÖFFLER (Wien), INGO SCHNEIDER (Innsbruck), wurde von ELISABETH TIMM (Wien) moderiert. Margot Schindler brachte assoziative Ideen zur „belebten“ und „unbelebten“ Natur ein, die sie an Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ von 1827 anlehnte sowie an der jüngst geschehenen Giftschlammkatastrophe von Kolontar in Ungarn. Klara Löffler begann ihr Statement mit Skepsis bezüglich der „Praxisorientierung“ unseres Faches. Bei aller Problemorientierung könne eine universitäre Ausbildung keine konkrete Berufsausbildung bieten und solche Anforderungen sollten auch beherzt zurückgewiesen werden. Sie forderte gleichzeitig, den Modus der Recherche über das gewohnte Maß hinaus zu erweitern und sowohl die Museumsdiskurse als auch die Bemühungen um Interdisziplinarität zu erweitern. Ingo Schneider strich die Vorteile des Begriffs der „Materialität“ gegenüber dem Begriff „Sachkultur“ hervor, da es dieser eben auch ermögliche, die belebten Seiten des Stofflichen zu beleuchten und so auch leibliche und/oder seelische Aspekte zu erhellen. Das Abschlusspodium wurde diesmal, wohl nicht zuletzt aus Gründen der vermuteten Diskussionsmüdigkeit am Ende von Tagungen und der (bereits quantitativ reduzierten) Teilnehmenden nicht geöffnet, was vereinzelte Kritik hervorrief.

Insgesamt vermittelte die Tagung einen sehr vielfältigen Einblick in die universitären und außeruniversitären Forschungswelten rund um die Stofflichkeit und den VeranstalterInnen ist für die kluge Programmierung zu danken. Kritik von Seiten des Zuhörenden ist (wie bei jeder größeren Tagung) an der phasenweisen Überforderung mit zu schnell abgelesenen Fremdwort-Kaskaden zu üben. So manches Fremdwort-Schachtelsatzungetüm erwies sich dem durchaus geneigten Ohr denn doch als (zu große) Zumutung. Wenige ReferentInnen schienen mit ihrem Thema oder besser der Vortragsanforderung mehr oder weniger überfordert. Insgesamt aber war ein erfreulich spannender und hintergründiger Blick in sehr unterschiedliche kulturwissenschaftliche Annäherungen an „Stofflichkeit“ am Beginn des 21. Jahrhunderts möglich.